Böser Realismus

Oft schon hat der Realismus im System „Kunst“ die Rolle des Bösewichts zugeschoben bekommen. All jenen Geschichten der Kunst im 20. Jahrhundert, die ihre Entwicklung als Befreiung des Werks von allem „Aufgetragenen“, wie Gegenständlichkeit, Symbolik, Botschaft, Repräsentation usw., beschreiben, muss Realismus als Hindernis und Verirrung auf dem Wege gelten, die Kunst ganz zu sich selbst zu führen. Doch allerspätestens mit der Pop Art der 1960er Jahre, die vehement gegenständlich ist und die Banalität der Abbildung geradezu feiert, lässt sich diese Geschichte der Moderne „vom Realismus zum Reinen Kunstwerk“ nicht mehr widerspruchsfrei erzählen. In der Gegenwart spielt die Unterscheidung abstrakt / gegenständlich für die meisten Mitspieler der Kunst - Künstler, Kritiker, Ausstellungsmacher, Galeristen, Sammler, Interessierte - keine große Rolle mehr, kaum jedenfalls für die, die die Spielregeln heute maßgeblich prägen. Ohne die lange Auseinandersetzung, wie das zeitgenössische Bild der Moderne zu gestalten ist, wäre die Kunst Marina Schulzes jedoch zweifellos nicht möglich. Ihre Bilder sind oft so groß, dass man den Überblick zu verlieren droht und die Malerei gewissermaßen ins Ungegenständliche kippt. Zugleich zeichnet sie ein geradezu erstaunlicher Fotorealismus aus. Der in der Rückschau oft religiöse Ausmaße annehmende Kampf all dieser Positionen ist in den Werken Marina Schulzes nur noch als Nachhall zu verspüren. Dabei wird die Energie dieser nun fernen Kämpfe offensichtlich in feinere Regionen verlagert: Marina Schulzes Realismus ist selbst relativ „böse“ geworden. Unendlich weit davon entfernt, ein Refugium der doch noch schönen Wirklichkeit zu sein, werfen uns ihre Bilder eher medusische Blicke zu. Es ist mehr und mehr ihr eigener Körper, den Marina Schulze, wie Medusa, zum Thema dieser kalten Blicke macht. Erschreckt und doch unfähig wegzusehen, werden wir bei unserer Lust, zu Sehen, gepackt. Wie beginnen wir zu begehren? Indem wir sehen! war eine der Lektionen Hannibal Lektors in dem Kinofilm „Das Schweigen der Lämmer“. Wer Sehen will, muss fühlen.

Dr. Daniel Spanke
Leiter der Kunsthalle Wilhelmshaven

erschienen in: Frischezentrum, Absolventen-Kat. Hochschule für Künste Bremen, 2004, Bremen 2004, Seite 18-19