Blow up

Vergrößerung ist ein Grundprinzip der Malerei Marina Schulzes, blow up daher ein logischer Titel für einen Katalog, der Arbeiten aus den letzten fünf Jahren versammelt. Keine Nabelschau, doch eine Übersicht über ein vielschichtiges Werk, das sich nicht auf den ersten Blick als ein einheitliches zu erkennen gibt. Ein veritabler, stark behaarter Nabel ist gleichwohl dabei. Doch was verbindet diesen mit nackter Haut, Netzstrümpfen, Wasseroberflächen, Tropfen oder Pilzen? Marina Schulzes Malerei ist spektakulär durch Größe und malerische Intensität und bringt sich mit großem Aufwand gelegentlich auch selbst zum Verschwinden. Davon soll im Folgenden die Rede sein. Der Versuch einer Ordnung folgt der Werkchronologie, aber auch der mit der Zeit wechselnden Thematik, um schon gleich zu Anfang zu dem Ergebnis zu kommen, dass möglicherweise allen Bildern noch ein weiteres Grundprinzip zu eigen ist.

Noch vor den Beinen mit Strümpfen (2006/7, S. 41-48) hat Marina Schulze nackte Haut gemalt, zunächst ganze Körper, dann immer größer werdende Details, in immer größeren Formaten, die fast nur aus der Distanz noch als Teile eines Körpers zu erkennen sind. Öl auf Papier, oft ein Motiv auf mehrere Bahnen verteilt. In den hier dokumentierten Werken sind es ab 2006 Beine, bestrumpft, und auch sie manchmal nicht auf Anhieb als solche zu erkennen. Immer jedoch ist die menschliche Haut, vielfach weitgehend flächendeckend, die Basis, über die sich wie eine zweite Haut, akribisch gemalt, das raffinierte Netzwerk der Strümpfe zieht.

In Gesprächen mit der Künstlerin wird schnell deutlich, was sie in ihrer Malerei wirklich interessiert. Sie malt Oberflächen mit großer, manchmal fast artistischer Geste und lässt dabei immer auch das „Dahinter“ mit sichtbar werden. Haut ist die Oberfläche von tierischen und menschlichen Körpern. Ohne diese wären Lebewesen nicht lebensfähig. Sie ist vielschichtig aufgebaut und schützt „gegen eine Reihe von Umweltfaktoren: Durch ihre Reißfestigkeit und Dehnbarkeit wehrt sie mechanische Einwirkungen (Druck, Stoß) ab. Die Pigmente der Keimschicht, die die Hautfarbe bilden, absorbieren Licht und UV-Strahlung. Durch die Absonderung von Schweiß ist die Haut an der Regulierung des Wasserhaushaltes und vor allem an der Temperaturregulation beteiligt. Bei der Wärmeabgabe spielt außerdem ihr weitverzweigtes Kapillarnetz eine wichtige Rolle. Schließlich ist die reichlich mit Sinnesrezeptoren ausgestattete Haut ein Sinnesorgan, das dem Zentralnervensystem eine Vielfalt von Wahrnehmungen vermittelt.“ So beschreibt, leicht gekürzt, der Brockhaus die Haut. Und auch die Pflanzen haben eine Haut, die Epidermis, die sich lückenlos und schützend um den Organismus legt. Im übertragenen Sinne umgibt Haut jeden Gegenstand, bildet die Grenze zwischen innen und außen, schützt und modelliert die Form, macht sie anziehend oder abschreckend und nutzt die Farbe als Mittel zur Selbstdarstellung. Das alles macht die Haut zu einem beliebten Sujet der Dichtung, der Literatur, des Designs, der Werbung und eben der Kunst. Vielfältig sind die Konnotationen, die sich mit Haut verbinden.

Marina Schulze arbeitet in Serien. Vielfach variiert sie die verschiedenen Themen und steigert dabei ihr ohnehin schon herausragendes malerisches Vermögen. Man spürt die Lust an der Malerei in allen Arbeiten, seien es nun beispielsweise kleine Formate in Öl auf Papier oder große Leinwände. Sie konzentriert sich dabei auf das Detail, den Ausschnitt. So nah geht sie ran, dass man als Betrachter nicht immer ohne weiteres erkennt, worum es geht. Vielleicht ist es aber auch nicht wirklich wichtig zu wissen, dass es sich bei Strukturen, die an eine Stein- oder Sandwüste denken lassen, um die Oberfläche von Raufasertapeten (2006/7, S. 50-54) handelt. Fein moduliert werden die geringen Höhenunterschiede zu einem Feld, auf dem das Auge behaglich herumwandern und sich entspannen kann. Wohltuend und doch völlig unspektakulär wie auch die Wassertropfen, die all over eine große Leinwand bedecken. Nur durch die auch in der Malerei spürbare Oberflächenspannung, wie durch eine Haut zusammengehalten, haften die einzelnen Tropfen auf dem Glas. Da lag es für die Malerin offensichtlich nahe, Wasseroberfläche selbst zum Thema zu machen (2007/8, S. 60-66). Diese fügt sich formatfüllend gut ein in die Reihe der gemalten Strukturen, bildet jedoch in ihrer vielfältigen Bewegtheit eine klare Gegenposition. Schnell verbindet sich diesmal das gemalte Bild mit den inneren Bildern der Erinnerung an einen Strand oder Bach- oder Flusslauf, an ruhiges oder kabbeliges Wasser. Die sich scheinbar ständig verändernde, letztlich aber auch geschlossene Oberfläche des Wassers lässt in die Tiefe blicken und reflektiert das Tageslicht. Nicht ohne Grund sind „Seestücke“ schon seit Jahrhunderten ein beliebtes Thema der Kunstgeschichte. Diese hatten jedoch zumindest immer einen Horizont, um sie als Teil der Landschaft kenntlich zu machen. Doch darum geht es Marina Schulze eben nicht.

Ihr geht es um Malerei, virtuose Malerei. Und dafür findet sie ab 2008 ein neues bildnerisches Feld. Zunächst ist es auch wieder die Haut, die ihr neues thematisches Objekt überzieht: Die rote schrundige Haut des Fliegenpilzes. Obwohl auch diesmal flächenfüllend, wird der Pilz durch die perspektivische Draufsicht der Malerei sofort erkennbar. Und wie bei dem richtigen Fliegenpilz ist man angezogen von dem intensiven lebenssprühenden Rot, spürt instinktiv aber auch die Gefahr, die dieses Rot zugleich signalisiert. Und dann geht Marina Schulze wieder einen Schritt weiter. Sie verändert die Perspektive und blickt dem Pilz unter das Dach. Sie zeigt, wie der Hut auf dem Stiel sitzt, ist aber vor allem fasziniert von den Lamellen, die, hautdünn und schon durch geringe Berührung leicht zerstörbar, dennoch diesen Hut stabilisieren. Und so ist auch ihre Malerei angelegt: Kraftstrotzend in der Farbigkeit, doch filigran und sorgfältig der Form folgend. Sie moduliert die klare Struktur der Lamellen bis in die nicht mehr wahrnehmbare Tiefe präzise nachvollziehbar aus, mit beinahe wissenschaftlicher Genauigkeit. Und doch ist es eine Malerei, die das Weiche des Materials, seine Verletzlichkeit, ja auch seine Vergänglichkeit immer mit spüren lässt. Das oft riesige Format lässt den Betrachter hin und hergerissen sein zwischen dem Staunen über die malerische und vor allem farbliche Brillanz der Bilder und dem Ahnen von dem fürsorglichen Schutz, den die Malerin ihrem „Modell“ angedeihen lässt. Nur gelegentlich lässt sie seine Zerstörung zu und gibt durch eine herausgebrochene Lücke im Hut des Pilzes einen Blick auf den Himmel frei. So schwankt diese Bilderserie zwischen struktureller Abstraktion und landschaftlicher Adaption.

Das scheint für sie auch das Faszinosum bei einer neuen Reihe von Arbeiten zu sein (2009/10). Erneut sind es Körperpartien. Pars pro toto. So der schon erwähnte Bauchnabel, ein Riesenformat. Ohne Titel, wie alle anderen Arbeiten auch. Hier wäre ein solcher vielleicht hilfreich, würde aber wohl auch das Nachdenken über das zu Sehende sehr verkürzen und viele Überlegungen und Vermutungen gar nicht erst zulassen. Man schaut in ein Gewirr von scheinbar trompe-l’oeil-artig, aus dem Bild herausragenden kräftigen gebogenen stacheligen Formen, die sich zur Mitte des Bildes hin verdichten und in einem unauslotbaren Loch verlieren. Mit ein wenig Distanz kann man den Untergrund in seinem Inkarnat als Hautfarbe erkennen und dann auch die „Stacheln“ als gigantisch vergrößerte Körperbehaarung rund um einen Bauchnabel identifizieren. Es ist, als blicke man durch ein Vergrößerungsglas oder ein Mikroskop, unter dem sich neue Welten auftun. Das gilt sicher auch für ein sehr viel kleineres Format aus diesem Jahr, welches ein Tattoo auf haariger Haut zeigt.

Marina Schulze ist eine hervorragende Malerin, doch sie lässt es nicht dabei, uns mit brillant gemalten Bildern für sich einzunehmen, sie nutzt ihre malerischen Fertigkeiten auch, sie als solche unsichtbar zu machen. Trompe-l’oeil, die Augentäuschung, ist ein beliebtes Mittel der Maler seit der Renaissance, das aber schon die alten Griechen kannten, um die Betrachter ihrer Werke ins Staunen zu versetzen. Man meint etwas plastisch auf einem Bild zu sehen, das manchmal nicht einmal als solches zu erkennen ist, und stellt erst aus der Seitenperspektive fest, dass alles tatsächlich nur zweidimensional gemalt ist. Marina Schulze dreht diese Möglichkeit der Malerei um. Sie sucht sich einen Gegenstand oder ein Raumelement und bemalt diese so, dass sie im Raum verschwinden. So zum Beispiel eine Bank in der Städtischen Galerie Delmenhorst (26. März 2008, 16 Uhr, S. 73) die sich, obwohl voll dreidimensional vorhanden, für das Auge kaum von dem sie umgebenden Parkettboden abhebt. Oder eine Säule in der Städtischen Galerie Bremen (31. Januar 2009, 14 Uhr, S. 80), die sie so bemalt, dass sie für den Betrachter nahezu unsichtbar wird. Das erscheint wie Zauberei und ein bisschen ist es das wohl auch. Dabei funktioniert es wirklich nur aus einer Perspektive - übrigens auch eine Erfindung aus der Renaissance. Sie ist der Schlüssel für den vermeintlichen Zauber. Und wenn man dann in eine Raum-Ecke (Painted room, 2009, S. 75) schaut, beim darauf Zugehen aber auf eine in den Raum hineinragende Wand-Ecke stößt, kann einen das schon erheblich verunsichern, obwohl sich der Effekt dann schnell verliert, weil die Perspektive sich radikal verschiebt. In der Natur bezeichnet man das mit Mimikry, und meint damit die Fähigkeit von Tieren oder Pflanzen, sich der Umgebung in Form oder Farbe so anzupassen, dass sie als solche nicht mehr wahrgenommen werden, als Schutz oder auch als Tarnung bei der Jagd auf Beute. Immer handelt es sich dabei um eine Veränderung der äußeren Hülle, der Haut. Und damit sind wir wieder bei dem, was Marina Schulze im Innersten bewegt: Was hat es auf sich mit dem, was sich uns als Oberfläche von Etwas zeigt? Was verbirgt es, und was verbirgt sich dahinter. Sie zeigt das eine und macht zugleich das andere sichtbar, bringt es zumindest in den Bereich des Erahnbaren. Das macht den Reiz dieser Malerei zu einem wesentlichen Maß mit aus.

Heiner Schepers, Juli 2010

in: Marina Schulze, Blow up, Stiftung Burg Kniphausen, Wilhelmshaven