Annett Reckert

Bieten wir jemandem die Stirn, zeigen wir Entschlossenheit. Wir präsentieren eine Schauseite, hinter der sich das Eigentliche verbirgt. Wir machen Fassade. Das lateinische Wort facies mit der Bedeutung Angesicht scheint bis heute durch dieses Wort hindurch, ebenso unterliegt es dem französischen en face und dem englischen face to face. Marina Schulzes Gemälde „Ohne Titel (GA VI)“, 2011, ist ein bemerkenswertes Selbstporträt, dasüber diese Dinge nachdenken lässt. Ein ausgesprochen großes Querformat zeigt in einem extremen Ausschnitt ihre Stirn. Am unteren Bildrand angeschnitten sind die Augenbrauen zusehen, an einen Vorhang erinnernd fallen von links und rechts oben spärlich Haare ins Bild.Faszinierend und abstoßend zugleich ist alles in gnadenloser Nahsicht dargestellt: Falten, Poren, Pigmentflecken, Fleischtöne – Rosa, helle Brauntöne, Weißabstufungen. Erstaunlich tektonische Strukturen offenbaren sich, tatsächlich ein Fassadencharakter, oder für denjenigen, der ins Makroskopische zu wechseln vermag, die Assoziation eines von Furchen durchzogenen Ackers.

„Ohne Titel (GA VI)“ ist in seiner virtuosen Blow up-Malerei ein typisches Bild Marina Schulzes. Ob Pflanzen, Stoffe, Wasser oder Wolken, durchweg bewegt sie ein malerisches Interesse an den Oberflächen der Dinge und Phänomene und die Frage, ob sich das Dahinter mit dem Pinsel berühren lässt. Malt Marina Schulze Haut, begibt sie sich kunstgeschichtlich auf ein hoch besetztes Feld. Schließlich ist das Inkarnat, das ins Fleisch Gesetzte, bis heute ein künstlerisches Faszinosum. Nähert sie sich in ihren großen Formaten zudem der Form des All over, dann geht es auch um den Topos der Leinwand selbst als menschlicher Haut, um den Verdacht einer Leibhaftigkeit.

Marina Schulze geht bei ihren Bilderfindungen von ihrer eigenen Körperwahrnehmung und der Beobachtung anderer Menschen aus. Sie fotografiert, letztlich ist aber die Übertragung in Malerei das Entscheidende. So geht das Gemälde „Ohne Titel (GA XVI)“, 2011, auf die Wahrnehmung eines Gesichtes im Lichtschein einer Beamerprojektion zurück. Ein violett,gelb und grün schillerndes Netz liegt über der Nahsicht eines zur Seite gewendeten Gesichtes, von dem lediglich die niedergeschlagenen Wimpern eines Auges, angeschnitten eine Nase und ein ebensolcher Mund zu sehen sind. Was entsteht, ist eine irritierende Visionvoller Poesie und Erotik, eine Camouflage, die an die früheren Netzstrumpfbilder der Künstlerin erinnert und damit an ein raffiniertes Spiel von Zeigen und Verbergen. Dabei thematisiert sie unsere zeitgenössische Auffassung des Körpers, die immer präsentere Ideeseiner Vermessung und Transformierbarkeit. Themen der Malereigeschichte treffen auf Bilder, die zum Beispiel von der Ästhetik der Werbung, Wissenschaft oder Medizin angeregt sind. So erinnert die Netzstruktur über dem Gesicht an die unbehagliche Vorbereitung einer Schönheitsoperation, vielleicht auch an die Renaissance des Tattoos – und damit der Haut als Leinwand – in unseren Tagen.

erschienen in: [res•i•dence] – Junge Kunst aus Niedersachsen, Syker Vorwerk, 26.8. - 18.11.2012 Syke 2012, S. 46